Liebe Leserin, lieber Leser,
Stellen wir uns zu Beginn eine scheinbar einfache Frage, die uns mitten im Alltag überraschen kann: „Wozu bin ich eigentlich auf der Welt? Wozu lebe ich?“ Viele Menschen würden darauf spontan antworten: Um bestimmte Ziele im Beruf zu erreichen, eine Familie zu gründen, Wohlstand aufzubauen oder einfach, um glücklich zu sein. Es ist bemerkenswert, dass Jesus dieser essenziellen Frage niemals ausgewichen ist. Er formuliert seinen Lebenssinn jedoch mit einem überraschenden Perspektivwechsel. Er sagt nicht: „Ich bin gekommen, damit ich glücklich oder berühmt werde“, sondern er stellt uns Menschen in den Mittelpunkt:
"Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben."
Johannes 10,10
Jesus gibt sein ganzes Leben hin, damit wir leben können. Er begegnet uns als der gute Hirte, dem wir vollkommen vertrauen dürfen.
Was bedeutet „Fülle“ wirklich?
Wenn wir das Wort „Fülle“ oder „Überfluss“ im Alltag hören, denken wir meist sofort an materielle Dinge. Uns kommt vielleicht eine Comicfigur wie Dagobert Duck in den Sinn, die im Geld schwimmt, oder wir denken an Luxusautos, teure Reisen und die prall gefüllten Regale in unseren Supermärkten. Doch Jesus spricht hier keineswegs von materiellem Reichtum, äußerem Erfolg oder einem bequemen, sorgenfreien Leben. Er ruft uns nicht zu einem bloß oberflächlichen, abstrakten Glücksgefühl auf.
Im biblischen Urtext wird für dieses göttliche Leben das Wort ζωή (zoë) verwendet. Das unterscheidet sich grundlegend vom rein biologischen Leben (bios). Ζωή meint das unvergängliche, von Gott erfüllte Leben, das durch den Glauben an Jesus in uns beginnt. Es ist ein Leben der tiefen Befriedigung und der echten Geborgenheit beim guten Hirten. Dieser göttliche Überfluss bedeutet im Griechischen etwas Wunderschönes: Es geht weit über das gewöhnliche Maß hinaus. Man kann es sich vorstellen wie ein Glas, das so vollgegossen wird, dass es über den Rand fließt. Durch diesen Vorgang des Überfließens werden alle alten, rein menschlichen Maßstäbe außer Kraft gesetzt.
Das Leben in all seinen Facetten
Mutter Teresa (Teresa von Kalkutta) hat das Leben, das Gott sich für uns wünscht, in all seiner Fülle, seinen Herausforderungen und seiner Schönheit einmal in wunderbaren Worten beschrieben:
Das Leben ist eine Chance, nutze sie.
Das Leben ist Schönheit, bewundere sie.
Das Leben ist Herausforderung, stelle dich ihr.
Das Leben ist kostbar, gehe sorgfältig damit um.
Das Leben ist Liebe, erfreue dich an ihr.
Das Leben ist Traurigkeit, überwinde sie.
Das Leben ist eine Hymne, singe sie.
Das Leben ist dein Kampf, akzeptiere ihn.
Das Leben ist ein Abenteuer, wage es.
Dieses Gedicht zeigt uns: Leben in Fülle bedeutet nicht, dass es keine Kämpfe oder keine Traurigkeit gibt. Ein Leben in Fülle ist kein einfaches, bequemes Leben. Aber es ist ein Leben, in dem wir all diesen Dimensionen mit der tiefen Befriedigung und Zufriedenheit durch die Beziehung zu Jesus begegnen können.
Der Blick in die Bibel: Vom Blinden und den Dieben
Um die Radikalität dieses Verses zu verstehen, hilft ein Blick auf den biblischen Zusammenhang. Direkt vor dieser Rede heilt Jesus einen Mann, der von Geburt an blind war und völlig isoliert am Rand der Gesellschaft lebte. Durch die Heilung erfährt dieser Mann plötzlich ein unfassbares Leben im Überfluss – er gewinnt eine völlig neue Lebensperspektive. Doch kurz darauf stoßen ihn die damaligen religiösen Führer aus der Gemeinschaft aus und brandmarken ihn als Sünder. Was er eben an Lebensqualität gewonnen hatte, verliert er auf sozialer Ebene sofort wieder.
Jesus begegnet ihm erneut und entlarvt die Pharisäer als „Diebe“, deren starre Gesetzeslehre den Menschen die Freiheit raubt und letztlich zum Tod führt. Jesus dagegen bringt ein Leben, das keine menschliche Institution zerstören kann. Er schenkt uns unvergängliche Werte:
- Ewiges Leben und die Zugehörigkeit zu Gottes Familie. (Johannes 10,28)
- Tiefen Frieden (Schalom) inmitten der Stürme des Alltags. (Römer 5,1, Johannes 14,27)
- Überfließende Vergebung und Liebe, die uns von der Macht der Sünde befreien. (Epheser 1,7, 1.Johannes 1,9)
Ein Leben, das überfließt
Dieses Leben in Fülle ist kein egoistischer Schatz, den wir für uns behalten dürfen. Es verhält sich eher wie ein prächtiger Holunderstrauch im Garten: Er blüht jedes Jahr so überreich, dass man gar nicht anders kann, als die Blüten mit den Nachbarn zu teilen. Wenn wir als lebendige Gemeinschaft dieses Leben in Fülle annehmen, verändert sich unser Miteinander grundlegend:
- Wir müssen uns gegenseitig nichts mehr beweisen, weil Jesus uns unseren Wert bereits unveränderlich geschenkt hat.
- Wir begegnen einander mit einer tiefen Glaubensgelassenheit, mit echter Nachsicht, Geduld und Vergebung.
- Wir sind befreit von der Angst, etwas zu versäumen, und kreisen nicht mehr nur um uns selbst.
Was bedeutet das für mich?
Ein Leben in Fülle fordert mich heraus, mein Herz nicht an oberflächliche Dingen zu hängen, die den Hunger der Seele nach Sinn und Bedeutung niemals dauerhaft stillen können.
Ich möchte euch einladen: Nehmt euch eine einzige Sache aus dieser unvollständigen Aufzählung des Jesus-Überflusses besonders vor – sei es der Frieden, die Vergebung oder die Gelassenheit. Spürt dieser Sache nach, lest dazu in der Bibel und gebt dem Heiligen Geist Raum, dieses Geschenk in eurem Alltag wachsen zu lassen.
Denn dazu ist Jesus gekommen: damit wir das Leben haben – überfließend, befreit und in seiner ganzen Fülle - in enger Beziehung zu Gott, dem Ursprung des Lebens.
Herzliche Grüße,
Matthias Kasemann